Mutmacher des Monats Juli 2020

„Allen Menschen recht getan ist eine Kunst, die niemand kann.” 

(Deutsches Sprichwort)

Mit dem Ende des ersten Weltkrieges und der Gründung der Weimarer Republik begann der Weg Deutschlands in die Demokratie. Es war kein leichter Weg, denn schon bald wurde die noch junge Demokratie durch eine zwölf Jahre währende NS-Diktatur abgesetzt, gefolgt von der Besatzungszeit durch die Siegermächte. 1949 startete Deutschland dann mit der Gründung der Bundesrepublik erneut in eine bis heute währende Phase der Demokratie und des Friedens. Dieses System bietet jedem Bürger Freiheit, unendlich viele Möglichkeiten der persönlichen Entfaltung und einem Leben in Wohlstand und Frieden. Das ist, weltweit betrachtet, ein sehr hohes Gut, das wir mittlerweile durch die Macht der Gewohnheit aber kaum noch zu schätzen und demzufolge auch immer schlechter zu schützen wissen. Durch die Corona-Krise ist vielen von uns erstmals überhaupt bewusst geworden, was allgemein angeordnete Maßnahmen bedeuten. Und bereits nach wenigen Wochen sehnen wir uns heftig nach unserer gewohnten Freiheit und der Möglichkeit, unser Leben nach eigenen Vorstellungen ohne Einschränkungen gestalten zu können! Dabei blicke ich mit Achtung auf alle Entscheidungsträger, die zu Beginn des Pandemieverdachts plötzlich und kurzfristig klare Entscheidungen treffen mussten, die für viele von uns erstmals deutliche Einschnitte in unsere persönliche Freiheit bedeuteten. Wir, die sie demokratisch zu unseren Vertretern gewählt haben, sollten ihnen nun auch soviel Vertrauen entgegenbringen, dass sie nach ihrem bestem Wissen und Gewissen gehandelt haben um allgemeinen Schaden abzuwenden, denn genügend Zeit für den sonst üblichen, demokratischen Dialog blieb diesmal kaum. Entscheidungen im Sinne aller zu treffen, kann manchmal sehr schwer sein, wie diese kleine Geschichte zeigt:

„Mullah Nasruddin war unterwegs zum Dorf. Seinen Sohn setzte er auf den Esel und ging selbst nebenher zu Fuß. Da kamen ein paar Leute vorbei und einer sagt: »Schau dir das an! Der alte Mann muss zu Fuß gehen und der Junge sitzt auf dem Esel. Der sollte sich was schämen!« Als Mullah Nasruddin das hörte, ließ er seinen Sohn absteigen und setzte sich selbst auf den Esel. Doch schon nach einer Weile hörte er, wie sich zwei, die am Wegesrand saßen, laut unterhielten: »Der große, starke Kerl sitzt auf dem Esel und lässt den armen Jungen nebenher gehen. Gibt es denn kein Mitleid mehr auf der Welt?« Da holte nun Mullah Nasruddin seinen Sohn mit auf den Esel und so ritten sie beide weiter. Da kam ein Bauer des Weges und meinte: »Muss denn dieses schwache Eselchen euch zwei Dummköpfe tragen? Das ist ja eine unglaubliche Tierquälerei. Der arme Esel wird sich noch das Rückgrat brechen!« Daraufhin stiegen Mullah Nasruddin und sein Sohn vom Esel ab und liefen zu Fuß weiter, der Esel voraus und die beiden hinterdrein. Als sie nicht mehr weit vom Dorf entfernt waren, hörten sie, wie ein Mann zum anderen sagte: »Schau dir bloß die zwei Idioten an! Der Esel spaziert voraus und die zwei marschieren hinterher. Wie kann man nur so doof sein?!« Da sagte Mullah Nasruddin zu seinem Sohn: »Du hast es also gehört! Es wird immer einen geben, dem man es nicht recht machen kann. Das beste ist also, man tut immer das, was man selbst für richtig hält.« 

Und das geschah: Die von uns demokratisch gewählten Volksvertreter trafen mutige Entscheidungen, die sie selbst für richtig hielten. Und wir alle haben die große Freiheit, diese Entscheidungen offen zu kommentieren: Freie Meinungsäußerung ist ein hohes und kostbares Gut, das keineswegs überall selbstverständlich ist und in vielen Ländern der Erde mit Restriktionen bis hin zu Inhaftierungen geahndet wird. Ziehen wir also einmal eine positive Bilanz und lernen das zu schätzen, was wir trotz aller Maßnahmen doch noch immer haben: Eine Demokratie in Frieden und Freiheit, die es jedoch bei allem Bemühen nicht jedem recht machen kann.  

Und jetzt kommt die spannende Frage: WAS hätten SIE an Mullah Nasruddins Stelle getan?